Rund um einen Strauch ...

28.04.2020

Die letzten Jahre wurden zahllose Spaziergänge im Raader Wald unternommen, die zu Streifgängen, Fotoexkursionen, Fund- und Beobachtungstouren mutierten ... und so ist eine stattliche Anzahl an gefundenen Tier- und Pflanzenarten und entdeckten Objekten zusammengekommen. Zahllose Erkenntnisse und tiefe Einblicke haben dabei unseren Blick, unseren Zugang zum Raader Wald massiv erweitert - und immer mehr hat sich das bestehende Ahnen zu einem fundierten Wissen verändert: dieser Wald, dieses letzte Naturgebiet vor unserer Haustür muss unbedingt erhalten bleiben!

Dieses Wissen und Erleben, diese Einblicke und Bilder wurden hier auf dieser Seite komprimiert und aufbereitet weitergegeben. Dieser Aufgabe wollen wir weiterhin gerecht werden, aber im sich wiederholenden Jahreskreis ist die Erwartung von immer Neuem zu erfüllen sowie die Vermeidung von jährlichen Wiederholungen immer schwieriger.

Daher werden wir andere, neue Schwerpunkte setzen, über unsere Art der Suche BEI und der nachfolgenden Arbeit NACH den Spaziergängen und Freizeit-Exkursionen und deren Ergebnisse berichten - lasst Euch einfach überraschen:

Am Rand des ehemaligen Feldes, das inzwischen zu einer relativ artenarmen Brache geworden ist, steht einsam ein kleiner Eingriffeliger Weißdorn (Crataegus monogyna). Er hat schon erste Blüten angesetzt, und darum wurde der Weißdorn im Raader Wald zum "Ziel des Tages" erkoren ... aber es ist nicht dieser einsam stehende Busch gemeint ...

Der Weg führt in den Wald, genauer in den hier typischen Eichen-Hainbuchen Wald, der mit seiner ihm eigenen Struktur auch ganz eigene Tier- und Pflanzengesellschaften ausgebildet hat. Gestürzte, vom Falschen Weißen Stengelbecherchen (Hymenoscyphus fraxineus) befallene und gefällte Eschen (Fraxinus excelsior) machen Teile des Waldes zu einem wahren Dschungel - es ist gar nicht so einfach, an die hier wachsenden und dichtes Gestrüpp bildende Weißdorne heranzukommen ...

In kleinen Auflichtungen finden sich jedoch Stellen, wo der Eingriffelige Weißdorn (Crataegus monogyna) etwas freier steht als im dichten Gestrüpp und so zugänglicher ist .... wenn auch die Blüte hier drinnen noch nicht so weit fortgeschritten ist wie draußen im Licht der Sonne ...

Gleich das erste (ziemlich kratzige!) Herantreten und der erste Kontrollblick zeigt, dass die Wahl richtig war: eine Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia) - diesmal in leuchtendem Gelb - hält steif und starr Wache an einer Weißdornblüte und wartet in dieser Stellung auf Beute ...

Wer scharfe Augen hat, sieht in der Mitte der Blüte das helle Gelb des weiblichen Blütenstempels, des "Griffels" mit nur einer kugeligen Spitze - was namensgebend war für den Eingriffeligen Weißdorn (Crataegus monogyna).

Scheinbar bin ich dem Strauch gar zu nahe gekommen und habe den Ast erschüttert - flugs läßt sich die Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia) fallen und stürzt scheinbar ungebremst zu Boden ... und nein, ich bin nicht nachgesprungen um sie im Bild festzuhalten! Sie fiel nur so weit als sie ihren "Notfaden" gesponnen hat, und so schwebt sie sanft schwingend zwischen den Blättern ...

Aber jetzt gehts "an die Arbeit": schnell und dennoch vorsichtig wird ein helles Tuch unter den Weißdorn-Busch gebreitet, so gut es zwischen harten Gräsern, Zweigen und Astmaterial geht - und anschließend wird kräftig "auf den Busch geklopft" ... wie starker Regen prasselt alles Mögliche in das Tuch ... Pflanzenreste, Rindenstückchen, alte Blätter und dürre Früchte - aber auch allerlei Insektoides, und genau das ist das Ziel ...

Ein erstes Beutestück fällt ob ihrer markanten Farbe, Musterung und extravaganten Form gleich ins Auge: die Larve einer Pyramideneule (Amphipyra pyramidea) ... kaum glaublich, dass der fertige Schmetterling ein eher unauffälliger brauner Nachtfalter ist ... dass diese Tiere alle nicht sehr groß sind, kann man am Vergleich mit dem relativ feinen Gewebe erkennen ...

Schon klettert die nächste Raupe aus einer Falte der Stoffbahn heraus und flüchtet mit "langen Schritten" - die typische Bewegung des Zusammenziehens verrät eine Spannerraupe, nämlich des Kleinen Frostspanners (Operophtera brumata) ... auch diese Raupe wird sich zu einem unauffälligen braunen Falter entwickeln.

Jetzt bricht auf der Stoffbahn Chaos aus: die meisten Insekten haben sich anfangs lange Sekungen mittels Totstellreflex nach dem Herabfallen zwischen Rinde, Laub, Blütenschalen usw. "unsichtbar" gemacht ... und beginnen jetzt fast alle zugleich mit der Flucht ... jetzt heißt es schnell sein ... und die großen Sprünge der winzigen Springspinne wollen mit der Kamera verfolgt sein .... aller Wahrscheinilchkeit nach handelt es sich um eine Weibchen der Springspinne (Evarcha falcata), von dem wir schon etliche Männchen fotografieren konnten.

Gleich als Nächstes bricht eine braune Rhombenwanze (Syromastus rhombeus) behäbig aus den Falten hervor ... sie spaziert gemütlich und ungehindert zum Rand des Tuches und verschwindet im hohen Gras ... sie bekommt man aufgrund ihrer hervorragenden Tarnfarbe nur selten "einfach so" zu Gesicht ... auch in unserem Bildarchiv ist sie bisher nur in zwei Exemplaren aufzufinden ...

Sehr viel flinker hingegen saust plötzlich diese winzige Spinne daher, macht einen kurzen Fotostop - und ist auch schon verschwunden. Erst am Bildschirm wird Färbung, Gestalt und Zeichnung sichtbar; zu kurz war einfach die Zeit ihrer "Präsenz" ... die beiden überlangen vorderen Beinpaare lassen eine Krabbenspinne (Tmarus piger) erkennen ...

Eine alte Bekannte - allerdings aus den Wiesenbereichen - ist diese hellgrüne Kürbisspinne (Araniella cucurbitina oder Araniella opisthographa) die auch flott das Weite sucht, aber dennoch immer wieder kurze Stops einlegt, die ein Fotografieren erlauben ... von 10 Bildern ist allerdings nur eines scharf ...

Übrigens ein Wort zur meist hinterher erfolgenden Bestimmung der Arten vom Bild: Zahlreiche Arten können wir je nach Interessenslage selber bestimmen; bei vielen Arten helfen uns auf bestimmte Gruppen spezialisierte Personen im Freundes- oder Bekanntenkreis, und etliches wird übers Internet in fachlich ausgerichtete Foren eingesendet und kommt - hoffentlich - bestimmt zurück. ABER nicht immer ist dies vom Bild einfach, oft auch unmöglich! Daher sind immer alle angegebenen Namen unter dem Irrtumsvorbehalt zu betrachten! Um die Artenvielfalt des Raader Waldes bewerten zu können, ist dies aber vernachlässigbar, denn auch eine falsch bestimmte Art bleibt eine eigene Art! Und wo auch dies nicht aufgrund besonderer Umstände zutrifft, wirkt es sich maximal im einstelligen Prozentbereich bezüglich der Artenvielfalt aus ...

Bis zuletzt hat sie sich nicht bewegt, ist am Rücken gelegen und wäre fast mit dem Streumaterial ausgeschüttelt worden: im letzten Moment hat sie sich umgedreht und sich durch diese kleine Bewegung verraten: die Schildkrötenwanze (Eurygaster testudinaria) die sich nur minimal von der Gemeinen Getreidewanze (Eurygaster maura) unterscheidet ...

Die Ausbeute war nicht schlecht, wenn auch viele Insekten davonfliegen konnten, sich verstecken konnten oder erst gar nicht am Tuch gelandet sind. Unvorstellbar, was in so einer artenreichen Brache erst für Leben herrschen muss ...

Während ich mich durch die Dornenbüsche kämpfe, um wieder ins Freie zu kommen, ertönt über mir lautes Rufen: mit viel Glück kann ich durch eine Lücke im Kronendach einen Mäusebussard (Buteo buteo) erhaschen, der über mir kreisend mich genau beäugt .... es ist die richtige Zeit, um die Exkursion zu beenden und das "Heimstudium" an den gefundenen Objekten fortzusetzen ...

Wir müssen diesen in unserer Region allerletzten naturnahmen Wald unbedingt bewahren! Die Ereignisse der letzen Wochen gibt uns bei diesem Bestreben mehr als Recht: Unser schändlicher und mörderischer Umgang mit der Natur zwingt diese nach ihren immer noch herrschenden Gesetzen, ihren Feind zu bekämpfen: UNS! Kehren wir den Weg des Umgangs mit der Natur nicht um, wird sie uns letztlich vielleicht sogar vernichten!

Wir sind überzeugt: Schon lange reicht es nicht mehr aus, die Natur zu "schützen" (was ohnehin kaum gelingt angesichts der zahllosen "Nutzer" der Natur und den Widerständen, die einen Naturschützer als angeblicher "Fortschritts-Verhinderer" erwarten!). Es ist eine UMKEHR von Nöten, damit die Natur wieder MEHR wird - und nicht bloß auf eine Weise, die diesem skrupellos flächenfressenden "Herrn Wirtschaft" nützt, indem wir angebliche Natur "schaffen" an der verdient werden kann! Nein - sondern es muss der echten Natur Raum zurückgegeben werden, damit sie sich wieder ausbreiten und ihre positiven Funktionen für uns Menschen erfüllen kann. Und ausbreiten kann sie sich nur von den allerletzten existierenden, naturnahen Refugien wie dem Raader Wald ...

Der Raader Wald braucht unsere Hilfe!

Hier gehts zur >>> online-Petition <<< wo Du bequem am Bildschirm unterschreiben kannst.

Danke für Deine Unterstützung!

 

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